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ECLI:DE:NEURIS:KSRE150101212

B 10 ÜG 4/25 B

Tribunal

Bundessozialgericht

Date

11 December 2025

Langue

de

Résumé de l'Affaire

Faits

BSG, 11.12.2025, B 10 ÜG 4/25 B

  <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=UTF-8">

  <title>

           

              BSG, 11.12.2025, B 10 ÜG 4/25 B

           

        </title>
  <h1 id="title">

     

     BSG, 11.12.2025, B 10 ÜG 4/25 B

     

     </h1>

  <section id="tenor">

     <h2>Tenor</h2>

     

     <p>Auf die Beschwerde des Klägers wird der Beschluss des Landessozialgerichts Niedersachsen-Bremen

        vom 15. Dezember 2023 aufgehoben und die Sache zur Verhandlung und Entscheidung an

        dieses Gericht zurückverwiesen.</p>

     

     <p>Der Streitwert des Beschwerdeverfahrens wird auf 1000 Euro festgesetzt.</p>

     </section>

  <section id="gruende">

     <h2>Gründe</h2>

     

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        <dt class="number" id="randnummer-1">1</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>I. Die Beteiligten streiten in der Hauptsache um eine Entschädigung wegen unangemessener

              Dauer eines sozialgerichtlichen Verfahrens.</p>

           </dd>

     </dl>

     

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        <dt class="number" id="randnummer-2">2</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>Der Kläger führte als Rechtsnachfolger seines verstorbenen Vaters ab 2015 vor dem

              SG Hannover und sodann vor dem LSG Niedersachsen-Bremen und dem BSG einen Rechtsstreit

              um Ansprüche nach dem Bundesversorgungsgesetz. Nach Abschluss des Verfahrens im Jahr

              2023 erhob er beim LSG Klage auf Entschädigung wegen überlanger Verfahrensdauer vor

              dem SG und dem LSG.</p>

           </dd>

     </dl>

     

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        <dt class="number" id="randnummer-3">3</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>Mit Gerichtsbescheid vom 22.11.2023, dem Kläger zugestellt gegen Postzustellungsurkunde

              am 24.11.2023, wies das LSG die Klage ab, da vor dem SG keine wirksame Verzögerungsrüge

              erhoben worden sei und das Berufungsverfahren vor dem LSG nicht unangemessen lange

              gedauert habe. Der Kläger beantragte daraufhin mit Schriftsatz vom 6.12.2023, der

              am 13.12.2023 beim LSG einging, eine mündliche Verhandlung.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-4">4</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>Mit Beschluss vom 15.12.2023 verwarf das LSG den Antrag als unzulässig. Der Antrag

              sei nicht statthaft, weil der Gerichtsbescheid nach § 105 Abs 3 SGG als Urteil wirke.

              LSG-Urteile könnten nur nach Maßgabe der §§ 160,160a SGG angefochten werden. Der Beschluss

              sei nach § 177 SGG unanfechtbar. Dieser wurde dem Kläger am 12.1.2024 zugestellt.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-5">5</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>Die dagegen erhobene Verfassungsbeschwerde hat das BVerfG mit Beschluss vom 26.6.2024

              nicht zur Entscheidung angenommen, weil die Verfassungsbeschwerde unzulässig sei und

              daher keine Aussicht auf Erfolg habe. Zwar sei der Beschluss des LSG sachlich schlechthin

              unhaltbar und verstoße gegen das Willkürverbot, weil der Antrag auf mündliche Verhandlung

              nicht im Hinblick auf das gegen den Gerichtsbescheid gegebene Rechtsmittel als unstatthaft

              angesehen werden konnte. Das LSG habe mit § 105 Abs 2 SGG eine offensichtlich einschlägige

              Norm nicht berücksichtigt. Es erschließe sich nicht, weshalb das LSG bei der entsprechenden

              Anwendung des § 105 SGG den rechtzeitig gestellten Antrag des Beschwerdeführers auf

              mündliche Verhandlung als unstatthaft hätte ansehen können. Die angegriffene Entscheidung

              beruhe auch auf dem Verstoß gegen Art 3 Abs 1 GG. Der Zulässigkeit der Verfassungsbeschwerde

              stehe aber die fehlende Erschöpfung des Rechtswegs nach § 90 Abs 2 BVerfGG entgegen.

              Es erscheine nicht ausgeschlossen, dass der Beschluss trotz § 177 SGG erfolgreich

              mit einer Nichtzulassungsbeschwerde nach § 160a SGG zum BSG angefochten werden könne

              <em>(BVerfG Beschluss vom 26.6.2024 - 1 BvR 475/24 - juris)</em>.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-6">6</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>Mit seiner daraufhin erhobenen Nichtzulassungsbeschwerde macht der Kläger eine grundsätzliche

              Bedeutung der Rechtssache sowie Verfahrensfehler des LSG geltend.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-7">7</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>II. Die Beschwerde des Klägers führt zur Aufhebung des angefochtenen Beschlusses und

              zur Zurückverweisung der Sache an das LSG gemäß § 160a Abs 5 SGG.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-8">8</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>1. Die Beschwerde ist zulässig.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-9">9</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>a) Die Beschwerde ist statthaft. Grundsätzlich kann nach § 160a Abs 1 Satz 1 SGG nur

              die Nichtzulassung der Revision in einem Urteil oder einem diesem gleichstehenden

              Beschluss selbstständig durch Beschwerde angefochten werden, nicht dagegen eine andere

              Entscheidung des LSG, wie sich aus § 177 SGG ergibt. Ausnahmsweise steht einem Beteiligten

              trotz einer Entscheidung in Form eines nach dieser Vorschrift an sich unanfechtbaren

              Beschlusses aber auch dasjenige Rechtsmittel zu, dass bei einer in der richtigen Form

              ergangenen Entscheidung zulässig wäre. Prozessbeteiligte dürfen dadurch, dass das

              Gericht seine Entscheidung in einer falschen Form trifft, keinen Rechtsnachteil erleiden.

              Ein solcher Verfahrensfehler führt deshalb nicht zum Ausschluss eines an sich gegebenen

              Rechtsmittels. Um das Prozessrisiko des Betroffenen zu minimieren, steht ihm in einer

              solchen Situation sowohl derjenige Rechtsbehelf zu, der nach der Art der tatsächlich

              ergangenen Entscheidung statthaft ist, als auch dasjenige Rechtsmittel, das bei einer

              in der richtigen Form ergangenen Entscheidung zulässig wäre <em>(vgl BSG Beschluss vom 12.2.2015 - B 10 ÜG 8/14 B - </em>

              <em>SozR 4-1720 § 198 Nr 8 </em>

              <em>RdNr 9 mwN)</em>. Das ist hier die Nichtzulassungsbeschwerde, weil das LSG hätte durch Urteil entscheiden

              müssen.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-10">10</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>Grundsätzlich durfte das LSG auch als Entschädigungsgericht gemäß § 202 Satz 2 SGG

              iVm § 201 Abs 2 Satz 1 GVG erstinstanzlich über die Entschädigungsklage des Klägers

              zunächst in entsprechender Anwendung des § 105 SGG durch Gerichtsbescheid entscheiden

              <em>(BSG Beschluss vom 12.2.2015 - B 10 ÜG 8/14 B - SozR 4-1720 § 198 Nr 8 RdNr 8 mwN;

                 BVerfG Nichtannahmebeschluss vom 26.6.2024 - 1 BvR 475/24 - juris RdNr 10; aA Burkiczak

                 in Schlegel/Voelzke, jurisPK-SGG, Stand 26.11.2025, § 105 SGG RdNr 21 mwN)</em>.</p>

           </dd>

     </dl>

     

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        <dt class="number" id="randnummer-11">11</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>Auf den rechtzeitig innerhalb der Monatsfrist des § 105 Abs 2 Satz 1 SGG erhobenen

              und nach § 105 Abs 2 Satz 2 SGG auch sonst zulässigen Antrag des Klägers auf mündliche

              Verhandlung durfte das LSG als erste und zugleich einzige Tatsacheninstanz dagegen

              nicht durch Beschluss, sondern nur durch Urteil entscheiden, da § 158 SGG die Verwerfung

              durch Beschluss nur dem Rechtsmittelgericht ermöglicht, das LSG funktional hier aber

              nicht als solches gehandelt hat, und zudem aufgrund § 105 Abs 3 SGG nicht die Zulässigkeit

              eines Rechtsmittels, sondern die Wirksamkeit der abschließenden Entscheidung im Streit

              stand <em>(vgl auch B. Schmidt in Meyer-Ladewig/Keller/Schmidt, SGG, 14. Aufl 2023, § 105 RdNr

                 24)</em>.</p>

           </dd>

     </dl>

     

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        <dt class="number" id="randnummer-12">12</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>b) Der Kläger hat seine Beschwerde auch fristgemäß erhoben. Die Beschwerdefrist des

              § 160a Abs 1 Satz 2 SGG ist wegen § 66 Abs 2 Satz 1 Halbsatz 2 SGG nicht einschlägig,

              weil das LSG seinen Beschluss zu Unrecht als unanfechtbar bezeichnet hat <em>(BVerfG Nichtannahmebeschluss vom 26.6.2024 - 1 BvR 475/24 - juris RdNr 18)</em>.</p>

           </dd>

     </dl>

     

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        <dt class="number" id="randnummer-13">13</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>c) Die Beschwerde hat die für den Verfahrensmangel maßgeblichen Tatsachen substantiiert

              bezeichnet.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-14">14</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>2. Die Beschwerde ist auch begründet, weil der gerügte Verstoß gegen § 105 Abs 2 SGG

              vorliegt und die Entscheidung des LSG hierauf beruhen kann <em>(§ 160 Abs 2 Nr 3 SGG)</em>. Das LSG hätte nach § 105 Abs 2 Satz 2 SGG auf den frist- und formgerechten Antrag

              des Klägers eine mündliche Verhandlung durchführen und über seine Entschädigungsklage

              durch Urteil entscheiden müssen <em>(§§ 125, 124 Abs 1 SGG)</em>. Denn nach § 105 Abs 2 Satz 2 SGG kann mündliche Verhandlung beantragt werden wenn,

              wie hier gegen die erstinstanzliche Entscheidung des LSG als Entschädigungsgericht

              <em>(§ 202 Satz 2 SGG iVm § 201 Abs 2 Satz 3 GVG)</em>, die Berufung nicht gegeben ist. Es sind keine systematischen oder sonstigen Gründe

              ersichtlich, die es erlauben würden, die Norm entgegen ihrem eindeutigen Wortlaut

              bei einer entsprechenden Anwendung des § 105 SGG durch das LSG als Entschädigungsgericht

              gemäß § 202 Satz 2 SGG iVm § 201 Abs 2 Satz 1 GVG nicht anzuwenden <em>(BVerfG Nichtannahmebeschluss vom 26.6.2024 - 1 BvR 475/24 - juris RdNr 10 mwN; zustimmend

                 Schnitzer in Ory/Weth, jurisPK-ERV, Stand 5.1.2026, § 105 SGG RdNr 35.1)</em>. Vielmehr greift auch in dieser Situation der Normzweck, das Recht des Klägers auf

              die insbesondere von Art 6 Abs 1 EMRK garantierte mündliche Verhandlung in anderen

              als ganz trivialen Rechtsstreitigkeiten zu sichern <em>(vgl B. Schmidt in Meyer-Ladewig/Keller/Schmidt, SGG, 14. Aufl 2023, § 105 RdNr 2

                 mwN)</em>. Wegen des rechtzeitig gestellten Antrags auf mündliche Verhandlung gilt der Gerichtsbescheid

              als nicht ergangen <em>(§ 105 Abs 3 SGG)</em>.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-15">15</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>Der Beschluss des LSG kann auf diesem Verfahrensfehler beruhen. Die Verletzung des

              Mündlichkeitsgrundsatzes ist im sozialgerichtlichen Verfahren zwar kein absoluter

              Revisionsgrund. Wegen der besonderen Bedeutung der mündlichen Verhandlung als Kernstück

              des sozialgerichtlichen Verfahrens <em>(vgl BVerfG vom 30.4.2003 - 1 PBvU 1/02 - BVerfGE 107, 395, 409 </em>

              <em>= SozR 4-1100 Art 103 Nr 1</em>

              <em>)</em> ist aber grundsätzlich davon auszugehen, dass bei einer Verletzung des Rechts auf

              mündliche Verhandlung die Entscheidung auch auf diesem Verfahrensfehler beruht <em>(vgl etwa BSG vom 6.10.2010 - B 12 KR 58/09 B - juris RdNr 10; BSG vom 7.12.2017 -

                 B 14 AS 195/17 B - juris RdNr 10; BSG vom 9.4.2019 - B 1 KR 81/18 B - juris RdNr 7;

                 BSG vom 3.7.2020 - B 8 SO 72/19 B - juris RdNr 7)</em>. Wenn ein Beschwerdeführer behauptet, um sein Recht auf eine mündliche Verhandlung

              gebracht worden zu sein, bedarf es daher in der Regel keines weiteren Vortrags zum

              "Beruhenkönnen" der angegriffenen Entscheidung auf dem Verfahrensfehler. Es reicht

              vielmehr aus, dass eine andere Entscheidung nicht auszuschließen ist, wenn der Betroffene

              Gelegenheit gehabt hätte, in der mündlichen Verhandlung vorzutragen <em>(stRspr; zuletzt BSG Beschluss vom 27.8.2025 - B 1 KR 78/24 B - juris RdNr 10 mwN)</em>. Im vorliegenden Fall ist nicht auszuschließen, dass das LSG zu einem anderen Ergebnis

              gekommen wäre, wenn der Kläger Gelegenheit gehabt hätte, sich in der mündlichen Verhandlung

              zu den rechtlichen und tatsächlichen Aspekten des Rechtsstreits zu äußern.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-16">16</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>Zur Vermeidung weiterer Verfahrensverzögerung macht der Senat von der Möglichkeit

              des § 160a Abs 5 SGG Gebrauch und verweist die Sache zur Verhandlung und Entscheidung

              an das LSG zurück.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-17">17</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>3. Da der Kläger mit der gerügten Verletzung seines Anspruchs auf rechtliches Gehör

              bereits durchdringt, kann dahinstehen, ob das LSG noch in anderer Weise verfahrensfehlerhaft

              gehandelt oder die grundsätzliche Bedeutung einer Rechtsfrage verkannt hat.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-18">18</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>4. Die Entscheidung über die Kosten des Beschwerdeverfahrens bleibt dem LSG vorbehalten.</p>

           </dd>

     </dl>

     

     <dl class="border-number">

        <dt class="number" id="randnummer-19">19</dt>

        <dd class="content">

           

           <p>5. Die auch im Fall der Zurückverweisung erforderliche Streitwertfestsetzung für das

              Beschwerdeverfahren <em>(Senatsurteil vom 12.2.2015 - B 10 ÜG 1/13 R - BSGE 118, 91 = SozR 4-1720 § 198 Nr

                 7 &lt;insoweit nicht abgedruckt&gt;, juris RdNr 45 mwN)</em> beruht auf § 197a Abs 1 Satz 1 Teilsatz 1 SGG iVm § 47 Abs 1 Satz 1 und Abs 3, §

              52 Abs 3 Satz 1, § 63 Abs 2 Satz 1 GKG. Der Streitwert ergibt sich aus der vom Kläger

              beantragten Entschädigungszahlung.<br>

              </p>

           </dd>

     </dl>

     </section>

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